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23. Zu Hause ankommen in Medellín

Mittlerweile waren über vier Monate vergangen, seit wir die Schweiz verlassen haben. Langsam verstärkte sich unser Bedürfnis, uns irgendwo für längere Zeit niederzulassen und eine kleine Pause vom Reisen und den regelmässigen Ortswechseln zu machen. Wir haben schon vor Beginn der Reise mit dem Gedanken gespielt, eine Weile in Medellín in Kolumbien zu bleiben und uns in der Stadt ein wenig einzuleben. Gesagt, getan. Wir starteten also unsere fast einwöchige Odyssee nach Medellín im Dschungel in Ecuador und legten in Quito, der kolumbianischen Grenzstadt Ipiales und Popayan Übernachtungsstopps ein. Neben insgesamt gut 1200 zurückgelegten Kilometern bestehend aus 17 Stunden Busfahrt und drei Stunden Flug nutzten wir die übrigbleibende Zeit, um in Ipiales das Santuario de Las Lajas zu besichtigen, eine Kirche, die gleichzeitig eine Brücke ist. Oder eine Brücke, die gleichzeitig eine Kirche ist? Wirklich in Kolumbien angekommen fühlten wir uns dann erst beim Spazieren in Popayan, einer hübschen, ganz in weiss gehaltenen Stadt.

Es war bereits dunkel, als Medellín sich uns zum ersten Mal zeigte. Uns fiel das Kinn runter, als wir auf das wunderschöne Lichtermeer hinunterblickten und mit dem Taxi ins Tal hineinfuhren. Nur kurze Zeit später drückte uns unser Vermieter Santiago die Hausschlüssel für unser Airbnb in die Hand. Wir waren glücklich, kein Hotelzimmer, sondern eine ganze Wohnung und somit ein eigenes Zuhause zu haben. Wir konnten es kaum erwarten, am nächsten Tag den Supermarkt anzusteuern, «posten» zu gehen und den Kühlschrank zu füllen, damit wir wieder einmal selbst kochen, haushalten und uns ausbreiten konnten. Ich freute mich darauf, für die nächsten zwei Wochen ganz gewöhnlichen Alltag zu leben und mich wie zu Hause zu fühlen. Zum ersten Mal seit über vier Monaten nicht aus dem Rucksack leben, sondern alles schön sortiert im Schrank eingeräumt haben. Selbst entscheiden, wann und was es zum Essen gibt und sich dafür nicht duschen, anziehen oder aus dem Haus gehen müssen. Am Morgen das Bett machen. Die Wäsche selbst waschen, den Müll rausbringen. Ein Bier auf dem eigenen Balkon trinken und auf das bunte Treiben auf der Strasse runterschauen. Gemütlich einen Film auf dem Sofa im eigenen Wohnzimmer schauen. Den Luxus geniessen, dass das Hahnenwasser trinkbar ist! Und einfach mal durchatmen, entschleunigen und Zeit haben, um all die Erlebnisse der vergangenen Monate zu verarbeiten. Dankbar zu sein für all das. Ich muss immer wieder aufs Neue realisieren, dass ich gerade meinen Traum leben darf.

Natürlich hatten wir nicht vor, zwei Wochen in der Wohnung zu hocken, konnten es aber viel gemütlicher angehen, um die Stadt zu erkunden. Einen ersten Überblick verschafften wir uns mit einer Stadtführung in Medellíns Zentrum. Neben dem Zentrum bewegten wir uns hauptsächlich in unserem «Heimatstadtteil» Envigado sowie im Stadtteil El Poblado, welcher bei Touristen wie auch Einheimischen beliebt ist. Nach gut 10 Jahren Überzeugungsarbeit konnte ich Jan endlich dazu bewegen, uns für einen Salsakurs anzumelden. Ich freute mich riesig auf den Spass und Jans Nervosität war schnell verflogen als er merkte, dass Tanzen gar nicht schwierig ist – vor allem nicht mit zwei bis drei geschmeidigmachenden Bier. Wir haben schon lange nicht mehr so viel gelacht und testeten direkt im Ausgang inmitten erfahrener Salsatänzer und -tänzerinnen, was wir gelernt hatten.

Wir merkten schnell, dass der «Medellín-Vibe» es uns angetan hat und der Fall war für uns beide klar, dass wir den richtigen Ort ausgesucht hatten, um zu bleiben. Medellín gilt als die Stadt des ewigen Frühlings aufgrund des ganzjährig schönen und warmen Klimas. Die Strassen und Häuser sind mit vielen Bäumen und Blumen geschmückt und an jeder Ecke sitzen die Leute zusammen, während die Kinder nebenan spielen. Man hat nicht das Gefühl, in einer Millionenstadt zu sein, so entspannt wie es hier zu und her geht. Sogar der Verkehr läuft erstaunlich geregelt ab für südamerikanische Verhältnisse und allgemein wirkt die Stadt organisiert. Man kann kaum glauben dass Medellín vor etwa 20 Jahren die gefährlichste Stadt in Südamerika war, so viel Lebensfreude wie sie heute versprüht.

Das Paradebeispiel für die rasante Entwicklung ist der Stadtteil San Javier, besser bekannt als Comuna 13. Das Viertel war einst von Gewalt und Armut geprägt und hat sich mittlerweile in einen Touristen-Hotspot verwandelt. Wir nahmen uns ein paar Stunden Zeit, um in einer geführten Tour mehr darüber zu erfahren, was hinter den zahlreichen Graffitis steckt, welche die Comuna 13 so berühmt machen. Die bunten Kunstwerke erzählen die bewegende Geschichte der Menschen die hier leben und symbolisieren eine Art friedlichen Protest gegen die einst dominierende Kriminalität oder sind denjenigen gewidmet, die dem Krieg unter dem Terrorregime Pablo Escobars zum Opfer gefallen sind. Die Armut und auch die Kriminalität sind zwar in der Comuna 13 weiterhin präsent, jedoch spürt man regelrecht die Hoffnung der Einwohner auf eine bessere Zukunft, die sie sich von dem rasanten Wandel Medellíns versprechen. Zurecht wurde Medellín 2013 als innovativste Stadt der Welt ausgezeichnet, die sich in bemerkenswert kurzer Zeit vom Schlachtfeld zur Traumstadt gemausert hat.

Weil es uns so unglaublich gut in Medellín gefallen hat, verlängerten wir unseren Aufenthalt noch um ein paar Tage. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, ein Fussballspiel im Stadion zu besuchen. Wir wollten unbedingt einmal die temperamentvolle Stimmung der fussballverrückten Lateinamerikaner miterleben. Nachdem sich Jan vor dem Stadion noch mit einem Shirt der heimischen Mannschaft Atlético Nacional ausgerüstet hat, trafen wir auf unseren Sitzplätzen ein, als das Spektakel schon voll im Gang war. Die Fankurve bebte und sang fröhlich ihre Lieder begleitet von einer rund 75-köpfigen Musikformation mit Trommeln und Trompeten, sodass ich mich kaum auf das Spiel konzentrierte, sondern lieber dem Treiben auf der Tribüne zuschaute. Zwischen den Sitzreihen huschten ehrgeizige Verkäufer umher, um Snacks und Bier an den Mann zu bringen. Die Stimmung war kein bisschen aggressiv und wenn die Spieler gefoult wurden oder der Schiri ein Tor aberkannte, motivierte das die Fans, einfach noch lauter und leidenschaftlicher ihre Mannschaft anzufeuern, anstatt Gegner und Schiri mit Schimpfwörtern einzudecken. Davon könnten sich die Fussballfans bei uns auf jeden Fall eine gehörige Scheibe abschneiden! Das war das friedlichste Fussballspiel das ich bisher gesehen habe, welches fliessend in ein riesiges Fest auf der primär bei Einheimischen beliebten Ausgehmeile Carrera 70 überging, auf der auch wir anschliessend einen feuchtfröhlichen Abend hatten.

Neben den Ausflügen, die wir in Medellín machten, nutzten wir die Zeit, um uns so langsam damit zu beschäftigen, wie es weitergeht, wenn wir wieder zurück in der Schweiz sind. So schauten wir uns nach Jobs um und begannen, ein paar Bewerbungen zu schreiben. Das Ende der Reise war zwar noch nicht direkt in Sicht, aber seit in unserer Heimat der erste richtige Schnee liegt, vergeht kein Tag, an dem Jan nicht vom Skifahren träumt und für uns war klar, dass wir früh genug zurück sein werden, um noch ein paar Tage die Pisten runterzudüsen… Aber zuerst wollen wir noch mehr vom wunderschönen Kolumbien sehen!

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